Mechanismus

Wertpapierleihe

Was ist wertpapierleihe bei etfs?

Die Wertpapierleihe ist der Nebenverdienst physischer ETF-Anbieter: Sie verleihen die Wertpapiere aus dem Fonds vorübergehend an Leerverkäufer (meist Hedgefonds) und kassieren dafür Leihgebühren. Der Vorteil für Anleger: Diese Einnahmen fließen größtenteils in den Fonds zurück, kompensieren die laufenden Kosten (TER) und senken die Tracking Difference, in manchen Fällen unter null.

Einsteiger-Block

Du hast einen iShares Core MSCI World im Depot, 0,20 % TER laut Prospekt. In den Jahren 2022 und 2023 zeigte die Tracking Difference dieses ETFs oft negativ: Er performte besser als der eigene Referenzindex. Kein Fehler, sondern das Ergebnis der Wertpapierleihe: iShares hat deine Apple- und Microsoft-Aktien kurzzeitig an Hedgefonds verliehen, die damit Leerverkäufe finanzieren wollten. Für die Leihgabe kassierten diese Hedgefonds eine Prämie, und diese Prämie spülte deine ETF-Kosten teilweise oder vollständig weg.

Wie die Wertpapierleihe funktioniert

AnbieterAnteil der Leiherträge an den FondsTypische Auswirkung auf Tracking Difference
Vanguard~100 %Kosten häufig annähernd vollständig kompensiert
iShares (BlackRock)~62,5 % (37,5 % verbleiben beim Anbieter)Kosten deutlich reduziert, TDiff oft positiv
Xtrackers (DWS)~70 %Vergleichbar
AmundiVariiertAbhängig vom Produkt

Besicherung: UCITS-Richtlinien erlauben Wertpapierleihe bis zu bestimmten Obergrenzen (viele große ETFs nutzen 50–60 % des Bestands). Der Leihnehmer muss vorab Sicherheiten (Kollateral) in Höhe von 102–110 % des Leihobjekts hinterlegen (Staatsanleihen oder Aktien hoher Bonität). Fällt der Leihnehmer aus, wird das Pfand liquidiert und die Wertpapiere zurückgekauft.

Die lukrative Maschine unter der Haube

Die Leihgebühren variieren stark nach Nachfrage:

  • Breite Welt-ETFs (MSCI World, S&P 500): Aktien gut verfügbar → Leihgebühr 0,01–0,05 % p.a., kleine aber stetige Einnahme.
  • Schwellenländer und Small Caps: Aktien schwerer beschaffbar → Leihgebühr kann 1–2 % p.a. erreichen, signifikante Tracking-Difference-Verbesserung.

Alle großen Anbieter müssen gemäß SFDR (Sustainable Finance Disclosure Regulation) transparent über ihr Wertpapierleihe-Programm berichten, im Jahresbericht einsehbar.

Die 2 Dimensionen des Wissens

  1. Wertpapierleihe als ETF-Vergleichsfaktor: Ein ETF ohne Wertpapierleihe hat tendenziell eine schlechtere Tracking Difference als ein vergleichbarer ETF mit aktivem Leihprogramm, selbst bei identischer TER. Deshalb ist die Tracking Difference (TD) die entscheidende Kennzahl, nicht die TER.

  2. Gegenparteirisiko richtig einordnen: Das Ausfallrisiko des Leihnehmers ist durch 102–110 % Kollateral stark begrenzt. Zudem handelt es sich bei Leihnehmern meist um große Finanzinstitute. Das Restrisiko ist statistisch vernachlässigbar, und durch die Leiherträge überkompensiert.

Praktische Implikation

Erschrick nicht, wenn du im ETF-Prospekt “Wertpapierleihe” oder “Securities Lending” siehst. Nutze die Information als Qualitätssignal: Ein ETF mit aktivem, gut besichertem Leihprogramm wird tendenziell günstiger im effektiven Laufenden-Kosten-Vergleich sein. Vergleiche ETFs über die Tracking Difference (auf justETF oder trackingdifferences.com), nicht allein über die TER.

Die TER ist das Schaufenster, die Wertpapierleihe ist das Hinterzimmer. Wer das System versteht, befürchtet keine versteckte Falle, sondern begrüßt sie: Es ist einer der seltenen Momente im Finanzmarkt, in denen hochriskante Profi-Zocker (Leerverkäufer) passiven Buy-and-Hold-Anlegern still und leise Rendite-Prämien übertragen.