Mechanismus

Safe Withdrawal Rate

Was ist die 4 prozent regel?

Die Safe Withdrawal Rate (SWR), bekannt als “4-%-Regel”, beschreibt den jährlichen Entnahmeprozentsatz, den ein Depot historisch dauerhaft tragen kann, ohne in 30 Jahren zu erschöpfen. Für deutsche Anleger gilt: Die US-zentrische 4-%-Annahme von William Bengen (1994) ist nicht direkt übertragbar. Für Europa-Portfolios mit längerem Zeithorizont gilt realistisch eine SWR von 3,0–3,5 %.

Einsteiger-Block

“Mit einer Million Euro auf dem Depot kann ich jeden Monat 3.333 € entnehmen, für immer.” Das ist der Kern der 4-%-Regel: 4 % von 1.000.000 € = 40.000 € pro Jahr. Klingt simpel. Der Haken: Bengen berechnete die Regel 1994 für US-Portfolios (50 % US-Aktien, 50 % US-Anleihen) über 30 Jahre. Wer heute mit 40 in Rente geht, braucht das Geld 50+ Jahre. Wer ein europaorientiertes Portfolio hat, dessen historische Rendite niedriger lag, und wer in einer Hochbewertungsphase (CAPE > 30) startet, hat die schlechtesten Ausgangsbedingungen für eine hohe SWR.

SWR-Szenarien nach Horizont und Allokation

EntnahmezeitraumAktienanteilHistorisch sichere SWR (US-Daten, Bengen/Trinity)Angepasst für Europa / langes FIRE
30 Jahre50 %~4,0 %~3,3–3,7 %
30 Jahre75 %~4,2 %~3,5–3,8 %
40 Jahre75 %~3,7 %~3,0–3,3 %
50+ Jahre (frühe Rente)75–90 %~3,5 %~2,8–3,2 %

“Historisch sicher” bedeutet: In Monte-Carlo-Simulationen über historische Marktdaten überlebt das Portfolio mit >95 % Wahrscheinlichkeit den gesamten Zeitraum.

Woher die 4 % kommen, und warum sie in Europa sterben

William Bengen bewies 1994: Eine fixe Entnahme von 4 %, jährlich inflationsangepasst, überstand in den USA selbst die Great Depression ohne Kapitalerschöpfung innerhalb von 30 Jahren (“Trinity Study”).

Jedes Detail passt für heutige Anleger schlecht:

  1. Andere Renditen: Europäische Aktienmärkte haben historisch 1–2 % p.a, weniger geliefert als der US-Markt.
  2. Längerer Horizont: FIRE-Bewegung bedeutet oft 40–50 Jahre Entnahme, nicht 30.
  3. Bewertungsniveau: Bei einem CAPE von 30+ am Entnahmestart sinken die erwarteten Renditen der nächsten Dekade, und damit die SWR.

Die 2 fatalsten Rechenfehler der Entnahme

  1. Starre Inflation einpreisenhalten: Wer im Crash-Jahr stur die inflationsangepasste Entnahme beibehält und Anteile zu Tiefstpreisen verkauft, löst das Sequenzrisiko aus. Schon 10 % weniger Entnahme in schlechten Jahren erhöht die Portfolio-Überlebenswahrscheinlichkeit auf 40 Jahre von 72 % auf 94 % (Kitces, 2015).

  2. Die SWR als Planungsmaximum missverstehen: Die 4-%-Regel ist eine historische Untergrenze, keine Renditegarantie. Wer 4 % plant und der Markt fällt direkt nach Rentenbeginn um 40 %, ist in einem ungünstigen Sequenzrisiko-Szenario. Konservativere 3,25 % geben erheblich mehr Puffer.

Praktische Implikation

Kalibriere deine Rentenplanung auf 3,25 % als Basisrate. Definiere vorab eine dynamische Entnahmeregel: Bei Portfolio-Rückgang >20 % werden Luxusausgaben um 10 % reduziert, sodass das Depot statistisch selbst 40+ Jahre überlebt. Wer dagegen starr 4 % plant, lebt in einem Berechnungsrahmen, der für die eigene Situation möglicherweise nie validiert wurde.

Die fixe 4-%-Regel hat hunderttausende Rentenkalkulationen auf dem falschen Fuß gestartet. Das Delta: Wer die SWR als atmenden Risikoparameter (nicht als Festzusage) versteht und flexibel auf Marktbedingungen reagiert, kann mit deutlich höheren Startraten sicher entnehmen als ein starres System erlaubt.