Mechanismus

Entnahmestrategie

Was ist eine entnahmestrategie?

Eine Entnahmestrategie ist der strukturierte Plan, in welcher Reihenfolge, Menge und Flexibilität man im Ruhestand angespartes Vermögen zu Bargeld macht. Die beste Strategie maximiert nicht die Höhe der Entnahme, sondern eliminiert das Risiko, in einem Börsencrash Aktien zu Tiefstpreisen verkaufen zu müssen. Ein solider Cashpuffer und flexible Entnahmen verlängern die Überlebensdauer des Depots statistisch um fast ein Jahrzehnt.

Einsteiger-Block

Du gehst in Rente und brauchst jeden Monat 2.000 € aus dem Portfolio. In einem guten Jahr wächst das Depot, die 2.000 € fließen mühelos. Dann crasht der Markt um 40 %. Dein Supermarkt akzeptiert keine Kursrückgänge. Du musst jetzt ETF-Anteile auf dem Tiefpunkt verkaufen. diese Anteile nehmen nie wieder am Aufschwung teil. Eine Entnahmestrategie verhindert genau das: In Crash-Monaten ziehst du die 2.000 € aus einem separaten Tagesgeld-Puffer, der in guten Jahren gefüllt wurde. Das Aktien-Portfolio bleibt unangetastet und erholt sich.

Das Bucket-Modell: 3 Töpfe für 3 Zeithorizonte

TopfInhaltGrößeZweck
Cash-EimerTagesgeld / Geldmarktfonds1–2 JahresentnahmenSofortpuffer für Crashphasen, kein Renditeoptimum
Sicherheits-EimerKurzlaufende Anleihen / Festgeld3–10 JahresentnahmenNachschub für Cash-Eimer; nach Crash wieder aufgefüllt
Wachstums-EimerGlobale Aktien-ETFsRestliches DepotLangfristiger Renditetreiber; wird nur in guten Phasen angezapft

Der Cashpuffer kostet Rendite (ca. 0,4 % p.a, auf das Gesamtportfolio), das ist die Versicherungsprämie für den Schutz vor Notverkäufen.

Starre Daumenregeln vs. dynamische Systeme

Die bekannteste Annahme ist die starre 4-%-Regel: Jedes Jahr denselben inflationsbereinigten Betrag entnehmen. Bei drei aufeinanderfolgenden Rezessionsjahren ist das für viele Depots das Todesurteil.

Besser funktioniert das dynamische Sicherheitsnetz: Eine Studie (Kitces, 2015) zeigte: Wer in Crash-Jahren (Portfolio −20 %) die Entnahmen um nur 10 % kürzt, erhöht die statistische Überlebenswahrscheinlichkeit des Depots auf 40 Jahre von 72 % auf 94 %. Die Südamerikareise wird ein Jahr verschoben, das Depot bleibt intakt.

Die 2 tödlichen Entnahmefehler in Deutschland

  1. FIFO-Schock ignorieren: Wer einfach aus seiner Depotposition verkauft, löst durch das First-In-First-Out-Prinzip (§ 20 Abs. 4 EStG) massive Steuerlasten aus: Die ältesten Anteile, mit dem größten Buchgewinn. werden zuerst veräußert. Kluge Entnahmen nutzen Depot-Splitting: Verschiedene ISINs ermöglichen es, den steuerlich günstigsten Topf zuerst aufzulösen.

  2. Ausschüttungen und Kapital durchmischen: Zunächst den Cash-Eimer leeren, dann auf natürliche ETF-Ausschüttungen stützen, erst zuletzt Kapital verkaufen. Wer ohne Systematik in die Substanz geht, triggert unnötig Steuerereignisse und schöpft das steuerfreie Potenzial des Freistellungsauftrags nicht aus.

Praktische Implikation

Baue exakt 3 Jahre vor Renteneintritt einen Cashpuffer in Höhe von zwei Jahresentnahmen aus laufenden Einnahmen auf. Im Depot: ruhig lassen. Steht die Börse positiv, entnimmst du aus dem Aktien-Eimer und hältst den Cashpuffer stabil. Crasht der Markt, stoppst du alle Aktienverkäufe und lebst aus dem Tagesgeld, bis zur Erholung.

Das Entsparen ist keine Umkehrfunktion des Sparens, es ist eine psychologisch und steuerlich eigene Disziplin. Der entscheidende Unterschied zur Masse: Wer flexibel aus verschiedenen Töpfen und Konten entnimmt statt stur aus einer einzigen Position, halbiert das Risiko von Notverkäufen ohne frisches Kapital hinzuzufügen.